"Dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt."


Als ich letzt einen Blick in meinen Bücherschrank warf. fiel mir das kleine, in rotem Leinen gebundene Buch mit allen Gedichten Bertolt Brechts auf. Herausgegeben hatte es vor sehr vielen Jahren der Surkamp Verlag. ( Erste Auflage 1981 )

Gedruckt auf feinem, dünnen Papier, nur 10x15cm groß, aber 1388 Seiten dick, enthält es alle Gedichte Brechts. Entsprechen kleingedruckt ist die Schrift, sodass es den alten Augen recht schwerfällt, den Text zu lesen. Beim Herumblättern kam ein Lesezeichen auf der Seite 660 zum Vorschein, dort zu lesen ist die "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration".

Mit Freude und Begeisterung las ich die bekannten 13 Verse. Neben der sprachlichen Schönheit der Dichtung fiel mir auch die heutige Gültigkeit ihres Inhalts auf.

In der Nachkriegszeit war Brecht in der BRD als Kommunist kein willkommener Autor, schon gar nicht in den Schulen! In Amerika von der McCarthy - Behörde verfolgt, siedelte er in die DDR über und hoffte, dass dort ein gerechter Staat nach sozialistischem Vorbild entstehen würde.  

Später dann in den 60er Jahren wurden seine Stücke auch im Westen aufgeführt und trafen überall auf ein begeistertes Publikum. Ich erinnere mich noch genau daran, dass unsere Schulklasse damals in der Oberstufe ein wunderbare Aufführung  der "Mutter Courage" im Kölner Schauspielhaus erleben durfte.

 Bertolt Brecht dient auch heute noch als Schullektüre.

Die Aktualität der Aussage des Gedichtes, zeigt gleich die erste Strophe. Ich zitiere:

Als er Siebzig war und war gebrechlich

Drängte es den Lehrer doch zur Ruh

Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich

Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.

Und er gürtete den Schuh.

                         .

                         .

Im vierten Vers heißt es :

Doch am vierten Tag im Felsgesteine

Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:

" Kostbarkeiten zu verzollen?" - "Keine."  

Und der Knabe, der den Ochsen führte sprach:" Er hat

                                                            gelehrt ."

Und so war auch das erklärt.      

Nun wird der Zöllner neugierig und fragt:

"Hat er was rausgekriegt?" Darauf die

Antwort des Knaben:"Daß das weiche Wasser in 

Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt,

Du verstehst, das Harte unterliegt."

Also - Geduld und friedlicher Widerstand besiegen

schlussendlich das Harte und das Böse.

Der Zöllner will mehr wissen und hält das Gespann

auf und fragt :

Was ist das mit diesem Wasser, Alter?"

Der Zöllner ist so interessiert, dass er den Alten

auffordert, sein Wissen aufzuschreiben.

Dafür verspricht er Kost und Logie.

Eine höfliche Bitte abzuschlagen

War der Alte, wie es schien, zu alt.

Denn er sagte laut:"Die etwas fragen

Die verdienen Antwort."

So bleiben der Alte und der Junge mitsamt dem Ochsen.

Mit Hilfe des Jungen schreibt der Lehrer seine Weisheiten

auf. Nach sieben Tagen sind sie fertig und der Zöllner 

dankt mit einer "kleinen Reiesegabe"

Im letzten, 13. Vers, kommt Brechts überraschende

Moral:

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen

dessen Name auf dem Buche prangt!

Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen,

Darum sei der Zöllner auch bedankt:

Er hat sie ihm abverlangt.

 

Ein norwegischer Fluss, gespeist von einem

 Gletscher



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